Discussion:
Kritik zu n.e.w.s in der SZ vom 17.09.
(zu alt für eine Antwort)
Nils (Muc)
2003-09-17 19:05:02 UTC
Permalink
Prince

Nordsüdwest



Kein Wort, nirgends. Prince schweigt: Keine Botschaften, keine
Anweisungen zum weltlichen oder metaphyselnden Glücklichsein, nichts über
Gott und die Welt. Es darf aufgeatmet und wieder genau hingehört werden,
ohne sich gleich peinlich berührt fühlen zu müssen. Schließlich ist
"N.E.W.S." ein Instrumental-Album, der Titel ein Akronym: zusammengefügt aus
den Anfangsbuchstaben der vier jeweils 14 minütigen Stücke dieser Platte:
"North, East, West, South". Dass diese Weltenbegehung nicht ohne
geomusikalische Klischees auskommt, ist so naheliegend wie es für Prince
selbstverständlich erscheint, diese sinnentleerten Zeichen für sich nutzbar
zu machen. Ein Klischee ist eben nur dann eines, wenn man bereit ist, ihm zu
glauben. Doch hier beseelt ein wunderbarer Skeptizismus das nach etlichen,
geradezu strafaktionistischen Veröffentlichungen fast versteinert
erscheinende Genie von Prince: Er führt uns diese Klischees als ferne
Klangfetzen vor, zart verweht - wie Zitate aus einer vagen Erinnerung. In
"East" erklingt für ein paar Takte ein Koto. Doch bevor wir Prince des
Exotismus bezichtigen können, enthüllt sie sich als kleine
Elektronikspielerei - und entschwindet. Der Triumph einer subtil launigen
Ironie. Der Eklektizismus, den Prince seit eh so erfolgreich kultivierte,
hat im Lauf seiner Karriere schon fast enzyklopädische Ausmaße angenommen -
aber es war ein Eklektizismus, der nicht sich selbst genug war. Prince
wirkte wie einer, der alles, was es an neuen Tendenzen auf der Club-Szene
gab, begierig aufsaugt, sich zu eigen macht und in seine eigene visionäre
Musikwelt überführt, die sowieso schon von den Geistern der schwarzen
Vergangenheit durchweht war. Damals versteckte er seine Liebe zum Jazz noch
in raffinierten, ja fast schon erschreckend intelligenten Arrangements;
irgendwo hinter der Stimme, hinter dem Groove, hinter der eingängigen
Melodie. Nun lebt er auf "N.E.W.S." zum ersten Mal den Jazz bis in die
letzte Konsequenz hinein aus: mit einem hinreißenden Detailfetischismus und
der dramaturgischen Gestaltungskraft des wahren Souveräns. Prince zeigt, wie
originell die Fusion zwischen Jazz, Rock und Funk heute klingen kann, wenn
man die vorgefertigten Schablonen ihrer Klischeehaftigkeit entfremdet und
gegebenenfalls souverän beiseite legt. Das wird ihm gewiss keinen
Hitparadenerfolg bescheren. Aber Prince erreicht damit etwas viel
wichtigeres: Er hat seine Glaubwürdigkeit als Künstler und brillanter
Musiker wiederhergestellt. Und nebenbei eines der schönsten und
entspanntesten Jazz- und Fusion-Alben der letzten Jahre veröffentlicht. So
trägt das Album seinen großsprecherischen Untertitel durchaus zu Recht: "New
Directions in Music". Man weiß gar nicht, in welche Richtung man sich jetzt
verneigen soll.


HARRY LACHNER




begin 666 g_.gif
K1TE&.#EA`0`!`( ``/___P```"'Y! $`````+ `````!``$```("1 $`.P``
`
end
KaRoL:G
2003-09-18 06:57:31 UTC
Permalink
Post by Nils (Muc)
Prince
Nordsüdwest
Kein Wort, nirgends. Prince schweigt: Keine Botschaften, keine
Anweisungen zum weltlichen oder metaphyselnden Glücklichsein, nichts über
Gott und die Welt. Es darf aufgeatmet und wieder genau hingehört werden,
ohne sich gleich peinlich berührt fühlen zu müssen. Schließlich ist
"N.E.W.S." ein Instrumental-Album, der Titel ein Akronym: zusammengefügt aus
"North, East, West, South". Dass diese Weltenbegehung nicht ohne
geomusikalische Klischees auskommt, ist so naheliegend wie es für Prince
selbstverständlich erscheint, diese sinnentleerten Zeichen für sich nutzbar
zu machen. Ein Klischee ist eben nur dann eines, wenn man bereit ist, ihm zu
glauben. Doch hier beseelt ein wunderbarer Skeptizismus das nach etlichen,
geradezu strafaktionistischen Veröffentlichungen fast versteinert
erscheinende Genie von Prince: Er führt uns diese Klischees als ferne
Klangfetzen vor, zart verweht - wie Zitate aus einer vagen Erinnerung. In
"East" erklingt für ein paar Takte ein Koto. Doch bevor wir Prince des
Exotismus bezichtigen können, enthüllt sie sich als kleine
Elektronikspielerei - und entschwindet. Der Triumph einer subtil launigen
Ironie. Der Eklektizismus, den Prince seit eh so erfolgreich kultivierte,
hat im Lauf seiner Karriere schon fast enzyklopädische Ausmaße angenommen -
aber es war ein Eklektizismus, der nicht sich selbst genug war. Prince
wirkte wie einer, der alles, was es an neuen Tendenzen auf der Club-Szene
gab, begierig aufsaugt, sich zu eigen macht und in seine eigene visionäre
Musikwelt überführt, die sowieso schon von den Geistern der schwarzen
Vergangenheit durchweht war. Damals versteckte er seine Liebe zum Jazz noch
in raffinierten, ja fast schon erschreckend intelligenten Arrangements;
irgendwo hinter der Stimme, hinter dem Groove, hinter der eingängigen
Melodie. Nun lebt er auf "N.E.W.S." zum ersten Mal den Jazz bis in die
letzte Konsequenz hinein aus: mit einem hinreißenden Detailfetischismus und
der dramaturgischen Gestaltungskraft des wahren Souveräns. Prince zeigt, wie
originell die Fusion zwischen Jazz, Rock und Funk heute klingen kann, wenn
man die vorgefertigten Schablonen ihrer Klischeehaftigkeit entfremdet und
gegebenenfalls souverän beiseite legt. Das wird ihm gewiss keinen
Hitparadenerfolg bescheren. Aber Prince erreicht damit etwas viel
wichtigeres: Er hat seine Glaubwürdigkeit als Künstler und brillanter
Musiker wiederhergestellt. Und nebenbei eines der schönsten und
entspanntesten Jazz- und Fusion-Alben der letzten Jahre veröffentlicht. So
trägt das Album seinen großsprecherischen Untertitel durchaus zu Recht: "New
Directions in Music". Man weiß gar nicht, in welche Richtung man sich jetzt
verneigen soll.
HARRY LACHNER
Hmm...eine ausgewogene und recht treffende Kritik, mein ich. Zwar
scheint sie mir nicht vollends objektiv zu sein, aber das von einer
Kritik zu verlangen wäre wohl zu viel.

Kurz: Endlich mal die Bemühung eines Blickes hinter N.E.W.S..
Möglicherweise hat Mr. Lachner mehr (und evtl. genau das) in N.E.W.S.
erkannt, was Prince damit bezweckt hat.

Danke Nils! Danke Harry!

Rise up!

Karol:G

Loading...